Montag
02
Jan
2017

Peter Sellars über »Le Grand Macabre«

Bild zu Peter Sellars über »Le Grand Macabre«

 

Im Rahmen der RuhrResidenz bringen die Berliner Philharmoniker eine der bahnbrechendsten Opern des 20. Jahrhunderts auf die Konzerthaus-Bühne: Ligetis »Le Grand Macabre«. Peter Sellars inszenziert die halbszenische Produktion und spricht über das Werk.

 

»Große Teile des klassischen Repertoires sind so überrepräsentiert. Es sind die selben 50 Stücke, die unablässig gespielt werden. Und es ist eine solche Freude, ein Gaumenkitzler –als ob man sein ganzes Leben nur Hammelfleisch gegessen hätte und dann zum ersten Mal Sushi probiert? Eine völlig neue Erfahrung!

›Le grand macabre‹ war also eines dieser bahnbrechenden Stücke, bei denen ein lebender Komponist in einem Opernhaus auftaucht und fragt, was können wir hiermit machen? Was können wir hier kreieren? Welche kreative Energie können wir für diese Ressourcen aufbieten: ›Ihr habt wirklich all das hier? Ihr könnt das hier? Und ihr könnt das hier? Ok, dann lasst uns dies mit dem hier machen…‹ Hier war also dieses echte, brilliante musikalische Genie, dessen Klangwelt am äußeren Ende des Bewusstseins liegt und mit intergalaktischen Botschaften und Welten arbeitet.

eine groteske Farce

Ligeti ist ein spielerischer Komponist. Da ist diese Komik, der Sinn für Humor und was inkorrekt, ja unangebracht ist. (Liegtis Spezialität ist »das Unangebrachte«.) Und nun haben wir einen ganzen Abend, der unangebrachtem Verhalten, unangebrachter Musik gewidmet ist – alles ist unangebracht. Und der ›Grand Macabre‹ ist der Tod. Ein ganzer Abend, an dem die Hauptfigur der Tod ist. Der Tod kommt. Aber es ist nicht wie in Ingmar Bergmans ›Das siebente Siegel‹, es ist eine groteske Farce. Andererseits verlor Ligeti fast seine gesamte Familie in Auschwitz. Tatsächlich ist es ihm also sehr ernst. Das Stück hat diese spielerische Herangehensweise an etwas, das kein Spaß ist. Das gibt dem Stück seine bemerkenswerten Qualitäten und überraschende Dimensionen und das hält einen bei der Stange.

Als es neu war, war das Werk ein echter Schlag ins Gesicht der Avantgarde-Oper. Und ich schließe in die Geschichte der Avantgarde-Oper Monteverdis ›Orfeo‹ und Mozarts ›Hochzeit des Figaro‹ ein. Es war eines der Dinge, die Ligeti herausfand, wie es Mozart in der ›Hochzeit des Figaro‹ rausgefunden hatte: Wenn man über etwas ernstes spricht, sollte es besser lustig und unterhaltsam sein und irgendwelche überraschenden menschlichen Elemente beinhalten, während man gleichzeitig die Welt auf den Kopf stellt. Aber Ligeti lässt wie Mozart die spektakulären Momente nicht verweilen. Es ist wie in einem Mozart Klavierkonzert, wo die Phrase, die einem das Herz bricht, nur zwei Takte dauert und dann geht er weiter. Er setzt sich nicht rein. Er hält es wirklich so, dass die aufregenden Momente in dieser Oper nur etwa 15 Sekunden dauern. Eine erstaunliche Klangwelt öffnet sich und man denkt sich für eine Sekunde ›was!?‹ bevor es vorüber ist und wir etwas anderes hören.

die schwierigste Musik auf Erden

So ausgelassen das Stück ist, so schwierig ist es für die Musiker. Das ist die schwierigste Musik der Welt. Es macht Spaß sie zu hören, aber nicht sie zu spielen. Es ist schwierig. Und Ligeti verlangt vom Orchester einen solch hohen Standard des Ensemblespiels und individueller Ausführung. Es ist jenseits von virtuos. Es ist das äußerste Limit dessen, wie virtuos ein Orchester werden konnte.

Ligeti und ich lernten uns ganz gut kennen, als er Kalifornien besuchte. Und natürlich war er in Kalifonien sehr weit weg von Europa und konnte sich einfach zurücklehnen und Spaß haben. Er war daher in Kalifornien so vergnügt und relaxt wie sonst nirgends.

ein Klassiker

Damals war Esa-Pekka Salonen schon Musik-Direktor des LA Philharmonic und Esa-Pekka und ich arbeiteten regelmäßig zusammen und trafen Ligeti regelmäßig. So entstand die Idee, ihm vorzuschlagen, ›Le Grand Macabre‹ noch einmal aufzunehmen und am Ende seines Lebens, 25 Jahre nach der Premiere, eine wirklich vollendete Version zu schreiben, die von Anfang bis Ende komponiert war, tatsächlich durchkomponiert, einige Dinge zu streichen, andere auszudehnen und das Stück zu dem zu machen, was es versprach. Dann kam die neue Version und er hatte wirklich daran gearbeitet. Und ich glaube, er hatte realisiert, dass er wollte, dass es nicht nur ein Avantgarde-Ausbruch sein sollte, sondern ein Klassiker würde.